Nazi Dorf Jamel: Die nervöseste und angespannteste halbe Stunde meines Lebens

Am Abend zum vergangenen Sonntag habe ich zum ersten Mal für einen kleinen Kurzfilmdreh über die Situation von Flüchtlingen in Deutschland das Nazi Dorf Jamel besucht. Sobald ich an dem Dorf angekommen war, hatte ich dieses unbestimmte Gefühl, dass hier etwas anders ist. Wir sollten in dem Dorf paar Szenen vor einem Wegweiser für die Dokumentation drehen.

Maria, die für den Film verantwortlich zeichnet, hat mir im Vorhinein erzählt, wohin wir fahren und was für ein Ort dies ist. Dazu hat sie gesagt, dass die politische Situation in Jamel höchst angespannt ist. Sie hat auch darauf hingewiesen, dass sie mit der Polizei alles abgesprochen hat und die Polizei uns, wenn wir wollen, bei der Dreharbeit begleiten und uns Unterstützung leisten wird. Selbst nachdem sie mir dies alles erzählt hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, was in diesem Dorf Jamel tatsächlich vonstattengeht.

Schon als wir am Dorf ankamen, warteten Polizisten auf uns. Sie berichteten, dass die Lage hier nicht schön sei und man sehr vorsichtig sein müsse. Die Bewohner des Dorfes hassten Kameras und Journalisten. All diese Erzählungen haben bei mir große Aufregung verursacht. Dennoch versuchte ich, irgendwie ruhig zu bleiben, auch um den anderen Mitglieder in unserer Gruppe keinen Stress meinetwegen zu bereiten.

Meine erste Beobachtung über das Dorf war: Man kann sich leider nicht frei dort bewegen, ganz im Gegensatz zu dem Schild am Ortseingang, auf dem geschrieben steht „ Herzlich Willkommen“. Die Dörfler wollen aber keine Menschen von außerhalb sehen. Niemand Fremdes, so scheint es, ist in diesem Nazi Dorf willkommen.

Ebenfalls am Ortseingang wird man von zwei großen Familienbildern begrüßt.  Eines der Bilder wurde auf die Seite einer Holzhütte gemalt, die vom Reporter Michel Abdollahi aufgestellt wurde, und trägt die Unterschrift: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Jedoch: das dunkelhäutige Kind der Familie, das ursprünglich dort zu sehen war, wurde übermalt, vermutlich durch „besorgte Bürger“ aus Jamel, die fürchteten, die Sache mit der Menschenwürde nehme dann doch etwas überhand.

Als Kontrast kann man denn auch auf dem anderen Familienbild lesen: „Dorfgemeinschaft Jamel. Frei-Sozial-National.“ Dieser Slogan, der auch bei der neofaschistischen NPD beliebt ist, erscheint passenderweise in Frakturschrift, die in der NS-Zeit verbreitet war.

In Nazi Dorf Jamel stehen nur ca. 10 Häuser. Zunächst waren keine Menschen zu sehen. Nur Hundegebell wies daraufhin, dass der Ort bewohnt war. In der Mitte dieses Dorfes steht ein Wegweiser, der die Stimmung und Ideologie der Bewohner auf schockierende Weise zum Ausdruck bringt. Ein Instrument, das die NS-Propaganda ins 21. Jahrhundert trägt, indem es Ortsnamen aufführt, die im ehemaligen „Großdeutschen“ Dritten Reich von zentraler Bedeutung waren: „Braunau a. Inn“ („Führers Geburtsort“) 855 km, „Berlin“ 267 km, „Wien/Ostmark“ (Österreichs Name nach dem Anschluss an Hitler-Deutschland) 908 km, „Breslau“ 570 km, „Königsberg“ 732 km (Ehemals Städte in Ostpreußen, heute in Polen bzw. Russland). Ein Mahnmal des Geschichtsrevisionismus und der neonazistischen Verblendung.

Es war eiskalt draußen und sehr ruhig. Ich habe noch nie eine so bedrückende Atmosphäre erlebt. Jedes Haus, jeder Baum und jede Straße erschienen mir so totenstill und deprimierend, dass ich eigentlich nur weg wollte von diesem Ort. Ich wollte keine Sekunde in dem Dorf verbringen, doch war ich ja gerade für ein Dokumentationsprojekt dorthin gegangen und musste mich anstrengen, Maria trotzdem irgendwie zu helfen.

Nach einer halben Stunde kamen ein paar Dörfler und haben angefangen, gegen unsere Dreharbeiten zu protestieren. Daraufhin haben wir unsere Sachen eingepackt und sind sofort von dort weggefahren. Nachdem uns also bereits die Hunde des Dorfes verjagen wollten, ist es ihren Herren schließlich gelungen. So kam unser kurzer Aufenthalt im Dorf Jamel zu seinem Ende. Eine bedrückende Erfahrung, die ich nie in meinem Leben werde vergessen können. Es war definitiv die nervöseste und angespannteste halbe Stunde meines Lebens in dem Nazi Dorf Jamel.

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